"Schpilen macht Schpas“ Schreiben nach Gehör - die richtige Methode?

Greven -

Grundschüler der ersten Klassen schreiben die Wörter heute so, wie sie sich anhören. Das schafft schnelle Erfolgserlebnisse – birgt aber auch Fehlerpotenzial. Die Methode ist deshalb nicht unumstritten.

Von Oliver Hengst
Mit der Anlauttabelle (kleines Bild) erschließen sich Kinder die Wörter. Aus „schpilen“ wird erst später die korrekte Schreibweise „spielen“. Foto: dpa

Tieger, Tir, Kinda, Kierchä, Vatatak, Schpilen, Schpas – wer zweimal lesen muss, um den Sinn der Wörter zu entschlüsseln, hat höchstwahrscheinlich keine Kinder im Grundschulalter. Wer sich wundert, vielleicht gar erschrocken ist, wie manche Kinder heute schreiben, hatte noch keinen Kontakt mit der „Lesen durch Schreiben“-Methode. Mit Hilfe einer so genannten Anlauttabelle setzen Kinder dabei Wörter nach Gehör zusammen. Sie schreiben die Wörter so, wie sie sich anhören. Das schafft schnelle Erfolgserlebnisse – birgt aber auch Fehlerpotenzial. Und: Falsche Schreibweisen können sich verfestigen, manche Kinder reagieren mit Verunsicherung, wenn sie ab der dritten Klasse (vorher wird meist nicht korrigiert) ans „richtige“ Schreiben herangeführt werden sollen.

Auf den Erfolg folgt die Verunsicherung

Agnes Langenhoff, Leiterin der Martinigrundschule, ist von den Vorteilen überzeugt. Vor allem aus einem Grund: „Heute weiß man, dass Einprägen allein keine gute Strategie ist. Das Trichterprinzip funktioniert nicht.“ Daher richte man den Unterricht darauf aus, den Kindern Strategien beizubringen, damit diese sich Wörter selbst erschließen könnten. Die erste sei: Schreiben wie Hören. Darauf aufbauend erarbeite man mit den Kindern die Regeln, mit denen sie sich die richtige Schreibweise erschließen könnten. „Das Gedächtnis hat begrenzte Kapazitäten. Wenn das mein einziger Zugriff ist, bin ich verloren“, sagt Langenhoff. Beispiel: Nach kurzem Vokal folgt ein Doppel-s, nach langem Vokal ein einfaches s (Fluss/Käse). Lang gesprochenes „i“ wird zu „ie“ (Miete). Mit diesen und weiteren Regeln könne sich ein Kind dann die Schreibweise eines Wortes ableiten.

Ohne solche Strategien bliebe als einziges Mittel der Griff zum Wörterbuch. Genau das gelte es zu vermeiden. „Jedes Kind will lernen. Wir müssen dafür sorgen, dass es das auch kann und dass es Erfolge erlebt.“ Bei vielen Kindern funktioniere das sehr gut – aber nicht bei allen. „Wir können nicht den Anspruch haben, Kinder als perfekte Rechtschreiber zu entlassen.“ Manche Jungen und Mädchen bräuchten dafür vier Jahre, manche eben länger

Interesse an der Sprache ist das A und O

Für einen „gesunden Mittelweg“ plädiert Anne Sprakel, Leiterin der Josefgrundschule, die selbst Deutsch als ihr „Steckenpferd“ bezeichnet. Erstes Ziel des Deutschunterrichtes müsse es sein, „die Kinder zu motivieren, mit Sprache umgehen zu wollen“. Diese Schreibmotivation zu wecken und wach zu halten, verstehe sie als eine der wichtigsten Aufgaben der Grundschule. Wenn es gelinge, Interesse an der Sprache zu wecken (und Kinder seien wissbegierig), müsse man „sukzessive Regeln erarbeiten.“ Dies geschehe an der Josefgrundschule „gezielt und geplant“. Spätestens ab der zweiten Klasse würden die Jungen und Mädchen an Strategien herangeführt. Groß- und Kleinschreibung beispielsweise werde schon früh mit den Kindern thematisiert.

Identifikation über eigene Texte

Das Mittel der Wahl an der Josefschule: Kinder schreiben viele eigene Texte. „Wenn ich an eigenen Texten lerne, identifiziere ich mich ganz anders damit“, sagt Sprakel. Schreibe ein Kind etwa einen Brief an die Mutter, verstehe es recht schnell, dass die Mutter den Inhalt besser verstehe, wenn er möglichst wenig Fehler enthalte. Von den Kindern verfasste Geschichten, die diese ihren Klassen präsentieren, gäben Anlass, zugleich entsprechende Regeln aufzugreifen. „Die Regeln ergeben sich oft aus dem Unterricht heraus. Das passiert ganz automatisch.“ Wenn Kinder am Ende der Grundschulzeit noch große Defizite hätten, „liegt das nicht unbedingt an der Schule, sondern an der Kommunikation allgemein“, sagt die Schulleiterin, die damit vor allem auf Handy- und andere Technik-Gewohnheiten heutiger Kinder abzielt.